Kultur ist die Autobahn! Kunst ist der Waldweg!

Bild_Werner-Reiterer_Die-Grazie_2016_gezeichnete-Ausstellung_70x50cmDie Ausstellung Kultur ist die Autobahn! Kunst ist der Waldweg! von Werner Reiterer in der Galerie am Stein in Schärding zeigt seine Grafiken, in denen er gedankliche Projekte grafisch in Grautönen umsetzt. Hier der Text zur Ausstellung von Genoveva Rückert, Kuratorin am OK im OÖ Kulturquartier.

Wer bisher noch nie von der Lust und der intellektuellen Freude mit Werner Reiterer zu scherzen gekostet hat, dem sei der 2015 fertiggestellte Film von Ralph Goertz „Werner Reiterer, Jetzt bloß nicht das Feuer verschütten!“ empfohlen. Oder eine Fahrt nach Schärding am Inn in die Galerie am Stein. Die 1989 von Monika Perzl gegründete Galerie ist seit der ersten Ausstellung von Arnulf Rainer der österreichischen Nachkriegsmoderne verpflichtet, agiert aber auch als Projektraum. Die Qualität ihrer Gewölbegalerie ist die Verdichtung, ein guter Rahmen für die dort präsentierte Serie von „gezeichneten Ausstellungen“. Seit 1996 bespielt Reiterer dieses dichte Format in seinen engen Regeln: je 70 x 50 cm groß, mit exakt 19 Bleistiften unterschiedlicher Härte und damit unterschiedlichen Grautönen gezeichnet, entwickelt der österreichische Bildhauer jeweils auf einem Blatt ein „Projekt“. Also im Sinn des seit den 1960er Jahren durchgesetzten Begriffs für eine künstlerische Arbeit, die „projektiert“ als Konzept für sich „fertig“ ist. Aber eben auch als Projekt realisiert werden könnte. So tragen die „gezeichneten Ausstellungen“ den Verweis auf die mögliche Umsetzung in sich. Ca. 30 dieser Projekte bespielen die Galerie, weitere 140 der letzten fünf Jahre erweitern das Konzept ins Format einer Publikation und liegen im eigens für die Ausstellung publizierten „Bilderbuch“ vor.

Während es bereits daraus realisierte Ausstellungen gibt, öffnen einige der Blätter reine Denkräume. Es sind existentielle Versuchsanordnungen, die ausschließlich im Medium der Zeichnung realisiert werden können: Kann man beispielsweise die Rotationsgeschwindigkeit des Mondes erhöhen? Empirisch und im Medium der Zeichnung ist es möglich. Die Grafik ermöglicht es ja auch das Größenverhältnis des Großglockners zum Mount Everest zu versinnbildlichen. Reiterer ist in seinen Ideen-Notaten aber weniger am Motiv als an der Vernetzung und kulturphilosophischen Fragestellungen interessiert. Seine Grammatik der Forschung artikuliert sich in Formeln, aber auch Raumdarstellungen. Beispielsweise: Wie sich der Mensch unter der Wurzel der Geschichte im Verhältnis zu Raum und Zeit und anderen Relationen konstituiert. Entgegen sperriger Gegenwartskunstrezeption reicht uns der Künstler mit seinem Humor die Hand. Eine freundliche Einladung in die vielschichtigen Werke einzusteigen und auf seine oft makabre Doppelbödigkeit, aber auch auf tieferen Erkenntnisgewinn zu stoßen. In den Zeichnungen (ebenso wie in seinen Skulpturen) bringt sich Werner Reiterer als „einzige“ Figur als der wohl neutralste Stellvertreter für den Menschen an sich ein, und nimmt sich auf die Schippe. Nicht zu verwechseln mit einem Selbstportrait agiert er als uneitle, fragende Mittlerfigur, die Kraft der Kunst eine Art angewandte Mehrwertforschung betreibt und sich mit hohem Unterhaltungswert an der Welt abarbeitet.

Text:Genoveva Rückert / Kuratorin am OK im OÖ Kulturquartier

Kultur ist die Autobahn! Kunst ist der Waldweg!
Werner Reiterer
GALERIE AM STEIN / Schärding / Lamprechtstr. 16
bis 31. Mai 2017 / Do – Fr 16 – 19 Uhr, Sa 10 – 12 Uhr

 

 

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