FREIGESTELLT

Freigestellt Maria-Meusburger-Schäfer Galerie-Schloss-Parz201705Freigestellt nennt Maria Meusburger-Schäfer ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Schloß Parz.  Freigestellt bezieht sie dabei sowohl auf das verwendete digitale Werkzeug, als auch auf die Darstellungsart der Objekte. Landschaften, Täler und Berge reduziert sie auf ihre Formen. Gleiches geschieht mit Menschen,  hervorgehoben wird die Form, Persönliches wird anonymisiert. Gefäße in unterschiedlichsten Formen, teilweise an Blüten, teilweise an Gebrauchsgegenstände erinnernd, sind geschlossen und durchlässig zugleich, begrenzt und freigestellt. ‚ Freigestellt ‘ ist eine Auseinandersetzung mit der Form und ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Eine bemerkenswerte Beschreibung dieser Ausstellung  kommt von einer Freundin der Künstlerin, Ursula Reisenberger, einer Literatin.  Sie ist für sich ein Kunstwerk und eine wunderbare Ergänzung zur Ausstellung   und soll hier wiedergeben werden:

ich sitze am tisch und soll schreiben, über meine freundin maria – und über ihre arbeit.

seit mehr als dreißig jahren kennen wir uns; und das allein ist schon ziemlich beeindruckend: so viel zeit ist vergangen seit der vorlesung im winter 1985, in der du vor mir gesessen bist.

Freigestellt Maria-Meusburger-Schäfer Galerie-Schloss-Parz201705als ich dich zum ersten mal im studentenheim in salzburg besucht habe, war ich fasziniert von den vielen kleinen interventionen, studien, skizzen, die deinen raum so ganz anders gemacht haben als meinen. – und diese faszination ist geblieben.

„freistellen“ heißt deine ausstellung. und das war es wohl immer: etwas herausholen aus dem selbstverständlichen, untersuchen, sichtbar machen. In die hand nehmen und anschauen, sammeln.

schon damals war dein zimmer voll von fundstücken. teile, die einen neuen zusammenhang gefunden hatten. überbleibsel, scheinbar sinnlos … das frei schwebende bein eines servierwagens ist mir in erinnerung.

viel später dann die unzahl von samen, früchten, schoten, hüllen, die etwas in ihrem inneren beschützen, aufheben für den moment des wachsens. das interesse für die form – und für das potential, das in dieser form verborgen liegt. die frage nach dem ausgangspunkt. was macht das, was wir sehen, zu dem, was wir sehen? der wunsch zu begreifen. nach dem objekt zu greifen, es anzugreifen. es zu formen auch.  

im hingreifen nach seiner form fragen. einer kante, dem ellenbogen eines alten sessels, dem aufeinandertreffen seiner pölster die ganze aufmerksamkeit eines portraits widmen. wie  entsteht haltung? wer oder was formt uns? und überhaupt: was ist form – und was inhalt?

du hast mir vom knödelschöpfer erzählt. der in der suppe oder im wasser fischt und das feste herausholt. freistellt. manchmal. und manchmal fängt er nichts. fließt alles durch seine löcher zurück in den topf. das greifbare und das ungreifbare – kann man sie überhaupt trennen? ist eines wirklicher als das andere?

immer wieder die rückkehr zu deinen wolken: verwandlung. auftauchen und verschwinden. und doch so ein bedürfnis nach klarheit, eindeutigkeit. immer wieder die form – und ihre auflösung.

durch die löcher atmet das andere, das nicht greifbare.

als du mir die arbeiten für die ausstellung zeigst, scheint mir, die frage, die du eigentlich stellst, heißt: wer bin ich?

wenn ich alle teile auseinandernehme – begreife ich dann das, was ich „ich“ nenne? oder löst es sich am ende auf? fast systematisch zerlegst du dieses „ich“ in seine bestandteile. Wenn ich drei generationen nebeneinander stelle – begreife ich dann „alter“? die elemente fragmentieren und verstehen. vielleicht verstehe ich dann auch das ganze. als ob du dir in der welt-werkstatt die teile ausborgen wolltest, um sie neu zusammen zu setzen. köpfe, die friedlich, scheinbar schlafend, am boden ruhen. gesten, die ohne körper auskommen. schwämme, moose, flechten, die dort aus den menschen wachsen, wo die menschen am meisten „ich“ sind. die ihrem gesicht ein allgemeines, grenzenloses geben. die sie in alle richtungen wuchern lassen, vielleicht verwachsen mit allen anderen über die zeit …

und auch die landschaft. mit dem knödelschöpfer herausgehobene formen. als ob man sie versetzen, beliebig einsetzen könnte. Was ist die „form an sich“? was passiert mit ihr? steht sie fest oder wächst und wuchert sie, wird sogleich wieder ein kosmos, der sich dem eindeutigen entzieht? der süße brei der existenz. – lässt der sich überhaupt einfangen?

eine ganze serie „formen“. die so gar nicht stillstehen wollen. wie eigenständige, eigensinnige wesen tragen sie bewegung in sich. das, was ich einfangen, festhalten möchte, folgt auch in seiner scheinbaren reduktion wieder der allgemeinen bewegung, veränderung. entzieht sich – lachend wie ein kind oder ein kobold. ein ewiges spiel. als spiel ist es lustvoll. aber wehe, wenn ich mir davon klarheit erhoffte!

freistellen. in freiheit stellen. die freiheit der bewegung in alle richtungen.
schon im moment des fragmentierens entzieht sich das wesen der eindeutigkeit.
unfassbar, dieses leben. gott sei dank.
text von ursula reisenberger

 

Freigestellt Maria Meusburger-Schäfer Galerie-Schloss-Parz201705FREIGESTELLT / Maria Meusburger-Schäfer
Kunst im Kabinett
Galerie Schloss Parz / Grieskirchen
bis 18. Juni 2017 / Sa, So 14 – 17 Uhr
www.galerieschlossparz.at
www.meusburger-schaefer.at

 

Facebooktwittergoogle_plusmail